Die klassische Weiterbildung – strukturiert, curricular und zertifiziert – ist aus dem Arbeitsalltag vieler Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Doch ein Großteil des beruflichen Lernens findet heute außerhalb formaler Bildungsmaßnahmen statt: in Gesprächen, bei der Arbeit, durch Austausch, durch Selbstrecherche oder über digitale Medien. Dieses Lernen, das spontan, kontextbezogen und selbstgesteuert abläuft, wird unter dem Begriff informale Weiterbildung zusammengefasst. Für Bildungsanbieter und Personalentwickler stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann man dieses „Lernen im Fluss der Arbeit“ gezielt sichtbar machen, unterstützen und strategisch nutzen – ohne es zu formalisieren?
Was ist informale Weiterbildung – und warum ist sie relevant?
Informale Weiterbildung bezeichnet alle Formen des Lernens, die nicht durch strukturierte Lehrgänge oder Abschlüsse geregelt sind, aber dennoch zur Kompetenzentwicklung beitragen. Sie umfasst beispielsweise:
- Lernen durch Ausprobieren
- Erfahrungsaustausch im Team
- Lesen von Fachartikeln oder Anleitungen
- Nutzung von Online-Tutorials und Videos
- Diskussionen in Online-Communities oder sozialen Netzwerken
- Feedback- und Reflexionsprozesse im Alltag
Anders als formale oder non-formale Weiterbildung (z. B. Seminare, Webinare, E-Learning-Kurse) ist informales Lernen oft nicht geplant – aber hochwirksam. Studien zeigen, dass bis zu 70 % der beruflichen Kompetenzen informell aufgebaut werden. (Weitere Informationen: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/LL_Studie_Koennen_belegen_koennen_Langfassung_30.11.16.pdf )
Die Stärken informaler Weiterbildung
Informales Lernen bringt spezifische Vorteile mit sich, die im betrieblichen Kontext besonders wertvoll sind:
- Praxisnähe: Lernen erfolgt unmittelbar im Handlungszusammenhang
- Individualisierung: Inhalte werden bedarfsorientiert und situationsspezifisch aufgenommen
- Eigenverantwortung: Mitarbeitende steuern ihr Lernen aktiv und selbstbestimmt
- Flexibilität: Lernen findet zeitlich und örtlich unabhängig statt
- Kosteneffizienz: Keine aufwändigen Maßnahmen oder Ressourcen notwendig
Gerade in einer dynamischen Arbeitswelt mit sich schnell ändernden Anforderungen ist informales Lernen ein wichtiger Hebel, um agile Kompetenzentwicklung zu ermöglichen.
Herausforderung: Unsichtbarkeit und fehlende Struktur
Trotz ihrer Wirksamkeit bleibt informale Weiterbildung in vielen Organisationen unsichtbar – und damit auch ungenutzt. Es fehlt häufig an:
- Bewusstsein für informales Lernen als wertvolle Lernform
- Strukturen, die informales Lernen fördern oder dokumentieren
- Systemen, die informelle Lernergebnisse erfassen oder sichtbar machen
- Vertrauen in selbstgesteuertes Lernen außerhalb formaler Angebote
Bildungsanbieter und Personalverantwortliche stehen daher vor der Aufgabe, eine neue Lernkultur zu schaffen, in der informales Lernen nicht nur geduldet, sondern bewusst gefördert wird.
Strategien zur Integration informaler Weiterbildung
Wie können Organisationen und Anbieter informales Lernen systematisch stärken, ohne es in starre Formate zu pressen? Hier einige konkrete Ansätze:
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Lernförderliche Umgebungen schaffen
Informales Lernen braucht Raum und Gelegenheit. Dazu gehören:
- Möglichkeiten zum Austausch (z. B. Pausenräume, digitale Foren, Projekt-Reviews)
- Offene Feedbackkultur
- Interdisziplinäre Teams
- Fehlerfreundlichkeit als Haltung
- Tools für kollaboratives Arbeiten und Wissensaustausch
Insbesondere digitale Plattformen können das informelle Lernen durch Communities, Content-Sammlungen, Lernpfade oder Q&A-Bereiche sinnvoll unterstützen.
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Microlearning und Lernnuggets bereitstellen
Kurze, leicht zugängliche Lernimpulse – zum Beispiel in Form von Videos, Checklisten oder Artikeln – sind ideal für informelles Lernen. Sie ermöglichen punktuelles Wissen genau dann, wenn es gebraucht wird. Die Kombination aus Personalisierung und direktem Zugriff erhöht die Wirksamkeit deutlich.
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Lernen durch Arbeit sichtbar machen
Viele Kompetenzen entstehen direkt durch die tägliche Arbeit. Durch einfache Maßnahmen können diese Lernprozesse erkannt und anerkannt werden:
- Arbeitsprojekte als Lernanlässe definieren
- Lernjournale oder Reflexionsroutinen einführen
- regelmäßige Lernreviews in Teams integrieren
- Erfolgsgeschichten oder Lessons Learned dokumentieren
Solche Formate verbinden Lernen mit Wirkung – und stärken zugleich die Lernmotivation.
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Lernbegleitung statt Lernvorgabe
Personalentwicklung muss sich wegbewegen von der Rolle des „Veranstalters“ hin zum Lerncoach. Dazu gehört:
- Lernberatung und Unterstützung bei der Selbststeuerung
- Empfehlung von Lernquellen, nicht nur Kursen
- Anregung zur Reflexion („Was hast du gelernt? Wie hast du es umgesetzt?“)
- Sichtbarmachung informeller Lernerfolge im Entwicklungsgespräch
Diese Form der Lernbegleitung eröffnet neue Perspektiven für individuell passende Lernwege – jenseits standardisierter Formate.
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Technologie gezielt einsetzen
Moderne Lernplattformen (LMS oder LXP) bieten heute Funktionen, um informales Lernen nicht nur zu ermöglichen, sondern auch sichtbar und auswertbar zu machen:
- Integration von externen Inhalten (z. B. YouTube, LinkedIn Learning)
- Content-Empfehlungen auf Basis individueller Interessen
- User-generierte Inhalte und Best-Practice-Sharing
- Lerner-Feeds oder soziale Lernelemente
- Möglichkeit, eigene Lernschritte zu dokumentieren (z. B. „Ich habe diesen Artikel gelesen und so genutzt“)
So entsteht ein ganzheitliches Bild der Lernaktivitäten – über formale Programme hinaus.
Rolle von Bildungsanbietern: Vom Kursanbieter zum Lernökosystem-Partner
Für externe Bildungsanbieter eröffnet sich hier ein neues Wirkungsfeld: Wer nicht nur Kurse verkauft, sondern Lernräume gestaltet, kann sich als strategischer Partner positionieren.
Das bedeutet zum Beispiel:
- Content-Angebote in modularer, flexibler Form zur Verfügung zu stellen
- Tools und Plattformen bereitzustellen, die informales Lernen unterstützen
- Kunden bei der Gestaltung von Lerncommunities oder Lerninitiativen zu begleiten
- Orientierung zu geben: Welche Quellen sind vertrauenswürdig? Welche Formate passen zu welcher Zielgruppe?
Die Aufgabe ist nicht, informales Lernen zu formalisieren – sondern es bewusst zu ermöglichen und gezielt einzubinden.
Informales Lernen – das unterschätzte Potenzial in der Personalentwicklung
Informale Weiterbildung ist kein Zufallsprodukt, sondern ein wesentlicher Bestandteil moderner Lern- und Arbeitswelten. Wer es schafft, diese Lernform zu fördern, sichtbar zu machen und mit anderen Entwicklungsformaten zu verbinden, schafft eine nachhaltige und agile Lernkultur. Für Bildungsanbieter und Personalentwickler ist das eine Einladung, ihren Ansatz neu zu denken: Weg vom zentralisierten Kursdenken – hin zur Ermöglichung selbstorganisierter Lernprozesse. Denn in einer Welt, in der Wissen schnell veraltet, ist die Fähigkeit zum kontinuierlichen, selbstgesteuerten Lernen der entscheidende Erfolgsfaktor.

