Ein Thema, das alle betrifft – sowohl Lernende als auch Bildungsexperten
Als Experten im Bildungsbereich werden wir regelmäßig mit Vorurteilen über das Gehirn und das Lernen konfrontiert. Diese Neuromythen, die oft in Selbsthilfebüchern oder von selbsternannten „Experten“ verbreitet werden, beeinflussen unsere pädagogische Arbeit, … und nicht unbedingt immer zum Guten.
Mythen über das Gehirn: gefährliches Scheinwissen
❌ „Wir nutzen nur 10 % unserer Gehirnkapazität.“
Eine Illusion, die vom Marketing genutzt wird
Nicht allzu selten wenden Online-Coaches bestimmte Methoden zur Motivationssteigerung an, die man – milde ausgedrückt – als „äußerst fragwürdig“ bezeichnen kann. Darüber hinaus werden „Deblockier-Methoden“ angeboten, mit denen angeblich die in einem Ruhezustand befindlichen 90 % unseres Gehirns aktiviert werden sollen. Diese Theorie ist wissenschaftlich völlig unhaltbar.
Funktionelle MRT-Untersuchungen zeigen, dass selbst einfache Aufgaben wie Kaffeetrinken motorische und sensorische Bereiche und auch das Gedächtnis aktivieren. Im Gehirn gibt es keine nicht aktivierten Bereiche. Nach derzeitigen Erkenntnissen ist das Gehirn ein energiesparendes Organ, das genau die Bereiche aktiviert, die benötigt werden – nicht mehr und nicht weniger.
Der Schlüssel zur Leistungssteigerung liegt eher in der Förderung der Neuroplastizität des Gehirns durch in Abständen wiederholte und abwechslungsreiche Übungen.
❌ „Die linke Gehirnhälfte ist logisch, die rechte Gehirnhälfte ist kreativ“
Eher eine verhaltensbezogene Kategorisierung als eine wissenschaftliche Tatsache
„Ich habe Schwierigkeiten, mit Menschen zu kommunizieren, deren rechte Hirnhälfte dominiert – sie sind einfach zu zerstreut.“
„Ich mag keine Menschen, die von ihrer linken Hirnhälfte dominiert werden – ihnen fehlt es an Einfühlungsvermögen.“
Abgesehen davon, dass es hier eher an Differenziertheit mangelt, ist diese Lateralisation des Gehirns bei Aktivitäten, die die gleichzeitige Aktivierung mehrerer Bereiche erfordern, nicht besonders schlüssig.
Ein Beispiel:
Studien im Bereich des Neuroimaging zeigen, dass beim Spielen von Instrumenten beide Gehirnhälften gleichzeitig aktiviert werden.
Lernmethoden: Was (nicht) funktioniert
❌ „Der Unterricht muss an den individuellen Lernstil (visuell / auditiv / kinästhetisch) angepasst werden.“
Eine gute Absicht, die auf einer falschen Annahme beruht
Schon in der Kindheit wird man beurteilt, kategorisiert und abgestempelt, man ist eher ein „visueller“ oder ehe rein „auditiver“ Typ.
Das kann dazu führen, dass Lernprogramme erstellt werden, die auf diese „Präferenzen“ zugeschnitten sind, was aber nicht immer funktioniert.
Die Realität: Nicht das „Lernprofil“ macht den Unterschied, sondern die Vielfalt der Formate.
- Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2019 (Psychological Science) zeigt, dass multimodales Lernen effektiver ist.
- Das Gehirn lernt besser, wenn verschiedene Ansätze kombiniert werden.
- Die Lösung? Unterrichtsmaterialien abwechslungsreich gestalten.
❌ „Man kann nur anhand von Notizen Lernerfolge erzielen“
Eine Illusion der Kontrolle
Wir lesen den Stoff noch einmal durch, erkennen Konzepte und haben den Eindruck, dass wir alles wissen.
Aber an dem Tag, an dem wir liefern müssen, blockieren wir.
Die Realität? Das Gehirn lernt, wenn es selbst nach Informationen suchen muss.
- Aktives Wiederholen verbessert die Gedächtnisleistung erheblich.
- Anstrengung beim Suchen nach Information = Verankerung.
Individuelle Unterschiede: Fallstricke vermeiden
❌ „Kinder lernen mühelos, sie saugen alles wie Schwämme auf“
Eine idealisierte Vorstellung
Es stimmt, Kinder lernen schnell, aber nicht alles fällt ihnen leicht.
Die Realität?
- Die Lernfähigkeit hängt von der Plastizität des Gehirns ab.
- Lernen ist nach wie vor mit Anstrengung verbunden.
- Die Lösung? Den Lernprozess in kleine, gut zu bewältigende Schritte unterteilen.
❌ „Mädchen sind in Naturwissenschaften weniger begabt als Jungen“
Ein Mythos, der einfach nicht aus den Köpfen zu bekommen ist
Er beruht auf einer geringeren Identifikation mit Naturwissenschaften, einer geringeren Beteiligung im Unterricht und „natürlich“ erscheinenden Unterschieden.
Die Realität? Diese Unterschiede lassen sich weitgehend durch den Kontext erklären.
Geschlechterstereotypen wirken sich direkt auf die Leistung aus.
Zauberformeln: Vorsicht ist geboten!
❌ „21 Tage reichen aus, um eine Gewohnheit zu etablieren“
Ein verlockendes Versprechen…
… aber leider nur ein Marketingtrick.
Die Realität?
- Eine Gewohnheit zu etablieren dauert durchschnittlich 66 Tage.
- Dies ist eine nicht linear verlaufende Entwicklung.
❌ „Multitasking ist effizient“
Ein relativ neuer Mythos
Man denkt, dass man Zeit spart, verzettelt sich aber.
Die Realität?
- Multitasking beeinträchtigt die Leistung.
- Die Produktivität sinkt bis auf 40 %.
❌ „Es gibt ein fotografisches Gedächtnis“
Ein verlockendes Versprechen…
… es gibt aber nur wenige Fälle, die häufig idealisiert werden.
Die Realität?
- Das Gedächtnis ist rekonstruktiv.
- So ist etwa die Gedächtnispalast-Technik weitaus effektiver.

